In diesem Jahr habe ich viele Workshops zur Stärkung von Frauen in männerdominierten Branchen geleitet, unzählige Bücher zu Feminismus, weiblicher Sichtbarkeit und Macht gelesen und mich mit Kolleginnen, Freundinnen und Teilnehmerinnen über diese Themen ausgetauscht. Im Wirtschaftskontext und im öffentlichen Dienst.
Eine Erkenntnis, die vielleicht banal klingt, für mich in 2025 aber bahnbrechend war: Es ist mir buchstäblich wie Schuppen von den Augen gefallen, dass das Gefühl von Frauen, nicht selbstbewusst genug zu sein, weder ein persönliches Problem noch individuelles Versagen ist.
Selbstzweifel, Perfektionismus, übertriebene Bescheidenheit, zu oft „Ja“ sagen, sich in gemischten Runden nicht zu Wort melden, sind wiederkehrende Motive, um nur ein paar der Themen zu nennen (die ganze Liste ist viel länger). Natürlich betrifft das nicht alle Frauen; manche distanzieren sich auch klar davon. Aber mein Gesamteindruck ist, dass es leider noch für viel zu viele Frauen gilt.
Lange dachte auch ich, es handele sich um meine Schwächen, an denen ich herumdoktern müsse. Doch nach vielen Gesprächen und Workshops sehe ich es so:
Es geht hier nicht um persönliche Mängel, sondern um machtvolle Strukturen, die in vielen Frauen wirken. Tief eingraviert.
Besonders getroffen hat mich dieser Satz einer guten Freundin, die seit vielen Jahren in einer Führungsposition im öffentlichen Dienst – mit vielen Männern – arbeitet: „Jetzt mit Mitte 50 merke ich langsam: Ich bin nicht dumm.“ Sie ist eine der klügsten und kompetentesten Personen, die ich kenne.
Die Erkenntnis, dass all das kein individuelles Versagen ist, verändert mich. Plötzlich greifen Konditionierung und Lähmung nicht mehr so. Schuld, Scham und das Gefühl, sich verbessern zu müssen, entfallen.
Vielleicht hilft auch das Älterwerden: Mit 51 sage ich klarer meine Meinung und unterbreche auch mal (früher undenkbar!) – nicht, weil ich mich optimieren muss, sondern weil ich verstehe, dass nicht ich das Problem bin.
In all dem liegt aber auch ein Dilemma. In Seminaren und Coachings ermutige ich Frauen, selbstbewusster und sichtbarer zu sein. Ich liebe diese Arbeit. Gleichzeitig bin ich der Überzeugung, dass dringend überall strukturelle Veränderungen her müssen, unbewusste Vorannahmen müssen hinterfragt werden etc. Ich halte es für gefährlich, die Verantwortung allein auf die Schultern von Frauen zu wuchten und zu sagen: So, jetzt strengt euch mal mehr an.
Eine Lösung habe ich für all das nicht. Aber ich finde und hoffe, es hilft mit vielen Menschen darüber zu sprechen. Ich freue mich auf eine Vertiefung dieser Themen im neuen Jahr!
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